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INove

Die imaginäre Schreibwerkstatt erstrahlt – momentan – im sogenannten „INove Theme“. Das alte gefiel mir dann doch nicht so gut und nun probiere ich es halt mal mit diesem.

Es erscheint mir persönlich weniger blümerant, klarer, mehr auf den Punkt gebracht. Es ist aber auch gar nicht so einfach, bei der Riesenauswahl an Themen das Geeignetste herauszufinden. Also bitte nicht wundern, wenn…

Kategorien:Allgemeines

Nick Hornby – Slam

Sam ist 15, ein cooler Teenager, dessen Leben sich um die wirklich wichtigen Dinge dreht, in erster Linie natürlich ums Skaten, Skateboard fahren wohlgemerkt, nicht dieses weiberhafte Schlittschuhlaufen – nur, dass wir uns gleich richtig verstehen.

Alles ist Bestens, wenn man 15 ist, Mädchen sind o.k. und stören nicht, solange man in aller Ruhe neue Tricks in der Halfpipe austesten kann.

Sein großes Idol ist Tony Hawk – der Skatergod schlechthin – und die von ihm verfasste Biographie dient Sam als Inspirationsquelle und Bibelersatz. Wen wundert´s, dass er da noch einen drauf setzt und mit dem Poster seines Helden intime Gespräche führt? Wo der doch schließlich sogar noch antwortet!

Und als dann die süße Alicia in sein Leben tritt, nimmt die Zahl der Unterredungen deutlich zu, denn danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Alicia wird ungewollt schwanger und für Sam und seine Familie scheint sich die Geschichte zu wiederholen, denn er selber kam zur Welt, als seine Mutter 16 war.

Plötzlich ist Schluss mit exzessivem Skaten und sonstigen Vergnügungen, stattdessen muss sich der Jugendliche Gedanken über seine Zukunft machen. Wie ist das, als noch nicht Erwachsener Vater zu werden und was bedeutet das für sein weiteres Leben? Was so bedeutungsschwanger scheint, wird von Nick Hornby locker serviert, garniert mit überraschenden Wendungen, die keinerlei Langeweile aufkommen lassen. Ganz im Gegenteil, „Slam“ ist ein echter Pageturner.

Erwähnenswert ist auch die gewählte Erzählweise, denn hin und wieder erhascht Sam in Momenten autosuggestiver Hypnose bzw. nebulöser Traumzustände einen Ausblick auf sein zukünftiges Leben . Es bleibt über die gesamte Strecke des Romans interessant für den Leser, welche Visionen denn nun Realität werden und welche nicht.

Die wohl größte Leistung des Autors ist die, diesen 15-jährigen so realistisch wirken zu lassen. Fast möchte man meinen, Nick Hornby plaudert da aus seinem eigenen Leben. Realistisch betrachtet kann es für dieses Phänomen nur zwei Erklärungen geben. Entweder hat der Mann gut recherchiert und ein bemerkenswertes Einfühlungsvermögen…oder er hat bei seiner Bio geschummelt, falsche Porträtfotos lanciert und ist in Wirklichkeit selber noch nicht volljährig.

Die Taschenbuchversion von „Slam“ wird übrigens noch mit einem zusätzlichen Miniinterview und zwei Kurzgeschichten kredenzt.

Kategorien:Buchkritik

Der Spiegel

Ludovik Bresz war der Teufel. Jeder der ihn kannte, würde das vorbehaltlos bestätigen. Er war durch und durch böse, egoistisch, jähzornig, brutal, rücksichtslos und immer auf seinen Vorteil bedacht. Den Ausspruch “Leichen pflasterten seinen Weg” konnte man im Zusammenhang mit ihm durchaus wörtlich nehmen. Sein Reichtum basierte zu einem großen Teil auf dem Leiden und dem Nachteil seiner unmittelbaren Umgebung. Nunmehr in den Fünzigern hatte er es durchaus zu etwas gebracht. Er nannte mehrere Ländereien sein Eigen, welche er zu Wucherkonditionen verpachtet hatte. Hier in der Gegend von Presbyte Leravika, gute zweihundert Kilometer von der Metropole entfernt, gab es nicht viel, mit dem die Landbevölkerung ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Hier war selbst die Aussicht, einem Ungetüm wie Bresz das Land zu bestellen, eine Alternative, für die man noch dankbar sein mußte.
Im Hause Bresz lebten einige Bedienstete, die täglich unter den Launen ihres Herrn zu leiden hatten. Es war schon des öfteren vorgekommen, daß eine der weiblichen Hauskräfte weinend und schreiend die Flucht ergriffen hatte, sei es, weil sie in seinen Augen einen Fehler begangen hatte, sei es, weil sie nicht gewillt war, seinen unverschämten Zudringlichkeiten nachzugeben. Erst letzte Woche war ein junges Mädchen im Graben an der Landstraße nach Vleij von einem Bauern gefunden worden. Ihr Rücken war völlig zerschunden, irgendjemand hatte sie halb totgeschlagen. Der Arzt, der sie untersuchte, kannte die Spuren, welche ihren Rücken entstellten.
“Er hat sie mit dem Ochsenziemer gezüchtigt, dieses Scheusal!” flüsterte er leise seinem Diener zu, der fassungslos das zerstörte Fleisch der Frau betrachtete. Erschüttert wandte dieser den Blick ab.
“Sie ist eine von Bresz´ s Dienerinnen. Es sind die gleichen Spuren wie damals bei Janna.”
Der Arzt seufzte schwer. Erinnerungen stiegen in ihm hoch. Janna Derakovic war ein blutjunges Ding gewesen. Sie war bei Bresz angestellt, um in der Küche zu helfen. Eines Tages rutschte sie unglücklich aus und goß der Köchin die kochende Suppe über den Stiefel. Durch die Lappen, welche Sie an den Beinen trug, war der Fuß zwar davor geschützt ,völlig verkocht geworden zu sein, jedoch musste Ludmilla die Köchin einige Tage behandelt werden, bis sie wieder arbeitsfähig war. Bresz war außer sich vor Wut. Er schmiß Ludmilla aus seinem Haus, weil sie ihm an diesem Abend kein Mahl zubereiten konnte und riet ihr, ihm nie mehr vor die Augen zu treten. Janna hingegen, die in Tränen aufgelöst vor ihm zusammenbrach, zog er an den Haaren nach draußen in die Kälte. Danach begann er unter wüsten Beschimpfungen wie von Sinnen auf sie einzuprügeln.
Seine Raserei mäßigte sich erst, als ihre Schreie verstummten.
Achtlos ließ er sie liegen, ging ins Haus und schloß die Tür. Hinter der Scheune hatte ein Knecht das schreckliche Schauspiel mitangesehen und holte Hilfe. Er brachte den Arzt des Dorfes herbei, dem er in aller Eile und mit schreckgeweiteten Augen das Drama schilderte. Der Arzt beugte sich gramvoll über das arme Ding und konnte nur noch mit tränenerstickter Stimme den Tod des Mädchens feststellen. Er schaute zur Tür, deren schwarzes massives Holz drohend vor ihm aufragte. “Ludovik Bresz, ich verfluche Dich. Möge die Finsternis Dich verschlucken und die Abgründe der Hölle Dein Heim werden. Mögest Du von nun an die Pein erleiden, welche Du dieser armen Kreatur zugefügt hast!” Dann ging er wortlos fort.
Niemand wagte es, Ludovik Bresz für seine Tat zur Rechenschaft zu ziehen.

Im Hause Bresz gab es eine neue Attraktion. Auf einem seiner letzten Beutezüge hatte der Hausherr einen alten Spiegel ersteigert. Das Besondere an diesem Objekt war der Rahmen. Unzählige ineinander verschlungene Gestalten bevölkerten ihn. Angesichter von Dämonen und Unholden, die sich gegenseitig zu verschlucken schienen, deren Glieder ineinander verwoben waren. Eine Ansammlung der schrecklichsten Ausgeburten der Hölle, die den Anschein machten, als wollten sie jeden Moment den Rahmen sprengen und sich auf den Betrachter stürzen. Nie zuvor hatte Ludovik ein so reines und klares Kristallglas erblickt. Er konnte stundenlang vor dem Spiegel stehen und sowohl sich selbst als auch den Spiegel selbst als Kunstwerk betrachten, eine perfekte Symbiose von Geist und Gestalt. Er schien förmlich mit ihm verschmelzen zu wollen.
Auch jetzt wieder stand er vor dem Spiegel und gab sich seiner dämonischen Schönheit hin. Plötzlich fiel sein Blick auf eine Schliere, die offensichtlich erst durch die Art und Weise, wie das Mondlicht darauf schien, zur Sicht kam. Er schäumte augenblicklich vor Wut. Wieder einmal war seine Anweisung nicht korrekt befolgt worden. Er würde seine Dienerin schon lehren, wie man einen Spiegel putzt. Leider schlief diese nicht in seinem Hause, so daß er die Züchtigung erst am nächsten Morgen würde durchführen können. Wütend verließ er die Halle, um kurz darauf mit einem Lappen wiederzukommen. Fast zärtlich begann er, den Schmutz auf dem Kristall wegzupolieren. Dieser Arbeit gab er sich einige Minuten hin. Dann trat er ein paar Schritte zurück und betrachtete sein Werk. Der Spiegel war wieder völlig sauber. Zufrieden steckte er das Tuch in seine Hosentasche, begutachtete noch einmal kurz sein Werk und ging hinauf in sein Schlafgemach.

Er träumte sehr unruhig. Immer wieder wälzte er sich zwischen seinen Laken hin und her, bis er schließlich fahrig und verschwitzt erwachte. Wie spät mochte es sein ? Er erblickte den Vollmond, der in sein Fenster schien und das Zimmer in ein gespenstisches Zwielicht tauchte. Eine innere Unruhe erfasste ihn, noch völlig gefangen von dem verwirrenden Traum, welcher ihn bis eben noch bedrängt hatte. Wie das bei Träumen so üblich ist, verflüchtigte sich auch dieser recht schnell, aber die Ahnung von etwas Dunklem, das sich auf seinen Schultern niedergelassen hatte, liess ihn nicht los.
“Gewäsch!” Unwirsch stapfte er in seinen Hauspantoffeln durchs Schlafzimmer. Irgendetwas lag ihm auf der Seele, ohne das er hätte sagen können, was. Er betrachtete den Mond, der ihn vorwurfsvoll anschien. Er lächelte böse. Die Vorfreude auf den morgigen Tag und die “Unterhaltung” mit seiner unfähigen Dienerin ließ seine Laune steigen. Wie weggeblasen war der Alpdruck, der soeben noch auf ihm gelastet hatte. Durst regte sich in ihm und er beschloß, sich ein Glas Wasser zu holen.

Der Weg zur Küche führte durch den Saal, in welchem der Spiegel hing. Er betrat den Saal und ging gedankenvoll in Richtung Küchentür. Es schien Regen zu geben, denn das fahle Licht des Mondes hatte sich mittlerweile verdunkelt, ein sicheres Zeichen, daß sich Wolken vor die weiße Scheibe gelegt hatten. Im Spiegelsaal war es mittlerweile stockdunkel. Er machte sich dennoch nicht die Mühe, ein Licht anzuzünden, er betrachtete das als völlig unnötige Geldverschwendung. Als er den Spiegel passierte, wurde es wieder heller im Saal. Offensichtlich hatten sich die Wolken verzogen. Er schaute zum Fenster und erblickte die gleiche Dunkelheit, die noch vor kurzem dort geherrscht hatte. Der Mond war nach wie vor nicht zu sehen. Er stutzte. Woher war der Lichtschein gekommen ? Er machte auf dem Absatz kehrt und augenblicklich fiel sein Blick auf die Lichtquelle. Das Licht kam direkt aus dem Spiegel.
Neugierig trat Ludovik näher.
Das Licht chargierte, nahm zwischenzeitlich einen leicht blutroten Farbton an, um danach wieder gelblich-weiß zu werden.
Er trat näher und betrachtete das Schauspiel. Unschlüssig, was nun zu tun war, stand er vor dem Kristallglas, unfähig, seine Augen abzuwenden. Das Licht schien zu wabern, wie etwas Organisches, lebendig und pulsierend. Er schaute angestrengt in den Schein, konnte jedoch nichts erkennen. Er drehte sich um, um zu prüfen, ob das Licht nicht doch von irgendwo anders herkommen konnte. Aber da war nichts hinter ihm: die Strahlen kamen eindeutig aus dem Spiegel.
Die Fratzen, welchen den Umriß des Spiegels verunzierten, erschienen in diesem unwirklichen Schein noch schrecklicher, fast als wären sie lebendig. Er fixierte sie unschlüssig, aber sein Blick wanderte immer wieder zu der Lichtquelle.
Dann plötzlich wurde ihm kalt.
Er hatte das Gefühl, nicht mehr allein im Raum zu sein. Er drehte sich kurz um, sah aber niemanden.
Dafür schien das Licht im Spiegel an Intensität zuzunehmen. Er blickte wieder wie hypnotisiert hinein. Der Schweiß brach ihm aus. “Was geht hier vor ?” sagte er mehr zu sich selbst. Wie in Trance bewegte sich seine Hand zur Oberfläche des Spiegels hin. Nur noch wenige Zentimeter trennten seine Fingerkuppen von der glatten Kälte des Kristalls.
Aber da war keine Kälte. Eine unnatürliche Hitze strahlte vom Glas aus. Er wollte seine Finger zurückziehen, aber er vermochte es nicht. Eine unsichtbare Macht schien die Kontrolle über seine Gliedmaßen übernommen zu haben. Wie fremdgesteuert strebten seine Finger der glatten Oberfläche zu…
…die überhaupt nicht glatt war. Seine Finger trafen auf keinerlei Widerstand und hilflos mußte er mitansehen, wie ein Teil seiner Hand in das nun flüssige Glas – oder was es nun auch immer sein mochte – eintauchte. Er quiekte wie ein Schwein. Mit der linken Hand versuchte er den Übergangsprozeß umzukehren, in dem er die Hand zurückzog. Aber die Kraft von der anderen Seite des Spiegels war stärker. Unerbittlich wurde erst seine Hand, danach sein Arm und schließlich auch der Rest seines Körpers in den Spiegel gezogen. Verzweifelt kämpfte er gegen seinen Untergang, aber vergeblich. Das letzte was er sah,kurz bevor sein Kopf als letzter Körperteil auf die andere Seite gezogen wurde, waren die hell erleuchteten dämonischen Fratzen am Rand des Spiegels. Der Schrei erstarb auf seinen Lippen. Diesmal schienen sie tatsächlich zum Leben erweckt.
Ihr böses Lachen wirkte wie ein Willkommensgruß.

Am nächsten Tag wurde der Dorfarzt zu Svetlana P. gerufen, der neuen Köchin von Ludovik Bresz. Er hatte wildes Fieber an ihr diagnostiziert und ihr zur Beruhigung diverse Kräuter verschrieben. Aus diesen sollte ein Sud angedickt werden, deren Dämpfe sie dreimal täglich zu sich nehmen sollte, um die plötzlich auftretende Verwirrung zu lindern.
Sie hatte ihm so dermaßen wirres Zeug erzählt, das er sich keinen Reim darauf machen konnte. Aber immerhin hatte sie bewirkt, daß seine Neugier geweckt worden war und nachdem er mit mehreren Leuten im Dorf geredet hatte und darüber informiert worden war, daß sämtliche Bedienstete des alten Teufels in Todesangst vom Hof geflüchtet waren, beschloß er, der Sache auf den Grund zu gehen. Er hatte den Dorfpfarrer als Unterstützung im Schlepptau, als die beiden gegen Mittag den Hof betraten. Keine Menschenseele war zu sehen. Auffällig war weiterhin, daß die Tür zum Hauptgebäude sperrangelweit aufstand.

Mit einem mulmigen Gefühl betraten die beiden Männer das Haus. Sie suchten sämtliche Zimmer nach dem Hausherrn ab, jedoch ohne Erfolg. Der Spiegelsaal war der letzte Raum, den sie noch zu inspizieren hatten. Auch hier fand sich nichts ungewöhnliches. Plötzlich jedoch erstarrte der Pfarrer. “Beim Allmächtigen !” Der Arzt folgte seinem Blick und auch ihm stockte der Atem. Beide starrten fassungslos auf den Spiegel. Das Kristall war vollkommen blind geworden. Niemals mehr würde der Spiegel wieder als solcher verwendet werden können. Aber das war es nicht, was die beiden Männer so erschüttert hatte. Es war etwas an der Umfassung des Spiegels. Eine weitere Fratze hatte sich am Rand gebildet, ein teuflisches Antlitz, dessen Körper von anderen Dämonen niedergerungen wurde. Dieses abscheuliche Gesicht hatte eine geradezu unnatürliche Ähnlichkeit mit den bösen Gesichtszügen des Ludovik Bresz.

Die Männer bekreuzigten sich angstvoll und verließen fluchtartig den Hof. Mit keiner Menschenseele redeten sie über ihre schreckliche Entdeckung. Drei Tage nach ihrem Besuch auf dem Grundstück ging das Gebäude ohne jeglichen ersichtlichen Grund in Flammen auf. Noch heute gibt die verbrannte Erde Zeugnis ab über die absonderlichen Geschehnisse, die sich dort zugetragen haben.

Die Anwohner meiden diesen Ort bis heute. Ein Haus ist dort nie mehr errichtet worden.

Kategorien:Kurzgeschichte

Der Besucher

Das stetige Quietschen des sperrigen Putzwägelchens durchbrach die Stille. Mary schob das Vehikel bis zur Tür von Zimmer 13. Dort hielt sie an, kramte gedankenverloren in ihrer Kitteltasche, fand aber nicht, was immer sie darin auch gesucht haben mochte. Stattdessen öffnete sie und schob den mit Reinigungsmitteln, Staubwedeln, Tüchern, Eimern und sonstigen Sauberkeit spendenden Utensilien übersäten Wagen in den Raum. Das Hotel war zur Zeit leer, ohnehin verirrten sich in dieses Kaff nicht gerade viele Gäste, wenn überhaupt, dann hie und da mal ein paar Touristen auf der Durchreise, eher schon Reisevertreter oder etwas in der Art. Für morgen allerdings hatte sich eine kleine Reisegruppe angemeldet, lauter ältere Herrschaften, wie Mister Jenkins ihr mitgeteilt hatte. Es war nun an ihr, das erste von zehn Zimmern auf diesen Besuch vorzubereiten.

Mary war nicht ganz bei der Sache. Bob hatte ihren heutigen, fest eingeplanten Kinobesuch abgesagt und der Grund war ihr ziemlich fadenscheinig vorgekommen. “Ich muss heute abend an einer Sitzung teilnehmen, Befehl vom Boss, ich kann nichts dagegen tun! Du weißt schon, diese Sache mit dem Auftrag für den grossen Holzhandel” hatte er behauptet und wenn sie ehrlich war, glaubte sie ihm kein Wort. Jede Wette, da steckte diese kleine Schlampe Maureen dahinter. Maureen aus der Bücherei, die ihm immer schöne Augen machte, wenn sie zusammen ihre ausgeliehenen Bücher zurückbrachten. Und das, obwohl sie, Mary, bei ihm war ! Unfassbar ! Dieser hässliche kleine Troll. Flach wie ein Brett ! Das einzig Üppige an ihr war ihr voluminöser Bratarsch, dachte Mary gehässig. Kaum vorstellbar, daß Bob so etwas gefallen –
“Guten Tag !”
Mary schrie auf. Auf dem Bett saß mitten auf der Tagesdecke ein Mann. Er hatte lange, gewellte Haare und trug eine Art zerschlissenes Lederhemd, eine ebensolche von Löchern übersäte Hose (leider waren diese nicht an den interessanten Stellen plaziert, wie sie trotz ihres Schreckens feststellte) und kaputte, völlig verdreckte Lederstiefel. Er war bartlos und starrte sie aus seinen smaragdgrünen, rotgeränderten Augen unverwandt an. “Er sieht …irgendwie wie ein Tier aus…” dachte sie so bei sich, bevor sie sich wieder einigermassen gesammelt hatte. “W-Wer sind Sie ? Und vor allem, wie sind Sie hier hereingekommen ?”
“Ich bin William Wallace, junges Fräulein !”
Ihr schwanden die Sinne. Natürlich, William Wallace, der Kämpfer für Schottlands Freiheit, der Nationalheld und Bezwinger über England.
“Scheiße, ein Irrer!” dachte sie nur ungläubig. “Ich muss um Hilfe schreien.” Aber stattdessen stammelte sie nur: “Was ?”
Die Frage, welche er nun an sie richtete, riß sie endlich aus ihrer Lethargie und bewirkte, daß sie schreiend aus dem Zimmer lief:
“Sagt mir, wo ist mein Streitroß ?”

“Wirklich Mr. Jenkins, er sagt, er sei William Wallace und er ist halbnackt und schaut mich so komisch an und ich habe noch gar nicht angefangen, das Zimmer -” “Halt, Mädchen, beruhige Dich, was redest Du denn da für einen Unsinn ?” “Die Zimmer sind abgeschlossen, dort kommt niemand hinein. Hast Du schlecht geschlafen ?” “Seine Stiefel sind völlig versaut – ich muß eine neue Tagesdecke auftreiben !” Mary schien die Kontrolle zu verlieren. In Zimmer 13 saß ein Verrrückter und ihr Chef glaubte ihr nicht. “Bitte Mr. Jenkins, kommen Sie mit, alleine gehe ich da nicht noch einmal rein. Bitte!” Ihre Augen füllten sich mit Tränen und verschleierten so ein wenig ihren fahrigen Blick. Seufzend zog Jenkins seine Strickjacke über und ging voran. Noch zwei Jahre, dann würde es wohl reichen. Er hatte schon lange keine Lust mehr, diesen Laden hier zu führen, aber er musste durchhalten – seines Ruhestandes wegen.
Die Tür von Zimmer 13 stand offen und er trat ein. Die Gestalt auf dem Bett begann augenblicklich mit der Rezitierung eines Gedichtes von Robert Burns: “Gedicht an eine Maus”.
“Was machen Sie hier ?” Doch der Fremde ignorierte die Frage und gab mit wohlklingender Stimme die Verse zum Besten. Jenkins senkte die Stimme zu einem Flüstern, beugte sich zu Mary herab, die verängstigt (aber auch ein wenig neugierig) hinter ihm Schutz suchte. “Ruf Constable Woodward an und sag ihm, wir haben hier einen Verrückten. Er soll sofort kommen und ihn mitnehmen.” Mary nickte und verliess augenblicklich das Zimmer.

Das Telefon in der Polizeidienststelle von Wardington rasselte wie ein asthmatischer Greis. Für eine moderne Telefonanlage fehlte wie für alles übrige auch – natürlich – das Geld. Diese Aussenstelle hier im schottischen Niemandsland war ein Relikt aus alten Zeiten, fast vergessen, eigentlich überflüssig, völlig nutzlos. Man konnte im Grunde gar nicht von einer wirklichen Polizeistation sprechen, es gab nur einen Bediensteten (gut, eigentlich zwei, aber der zweite – Thomas Hicks – hatte gerade seine Ausbildung beendet und war sowas von Grün hinter den Ohren, daß man meinen konnte, immer dann, wenn er sich zufälligerweise in der Nähe eines schottischen Hochlandschafes aufhielt, würde es ihm folgen, in der Hoffnung, aus seinen Gehörgängen würde saftiges Gras wachsen), nämlich “Fish” Woodward, von dem alle zu Recht glaubten, er wäre hier “geparkt” bis zu seiner Pension, weil dies ein Posten war, auf dem er möglichst wenig Unheil anrichten konnte. George Woodwards Interesse galt in erster Linie dem Single Malt, in zweiter dem Fischen am Loch Barry – daher auch sein Spitzname; was jedoch das Arbeiten anging, sprich die Sicherung und – Gott behüte ! die Wiederherstellung der Sicherheit…nun, es ist halt nicht jedem gegeben. Unwahrscheinlich, daß sich ein Verbrecher von dieser beschränkten Schnapsdrossel hätte fangen lassen.
Der Hörer auf der abgewetzten Gabel wurde von einem weiteren heiseren Keuchen durchgeschüttelt und es wäre erwartungsgemäß ungehört verhallt, wenn nicht gerade Thomas Hicks hereingekommen wäre, um ein wenig Bürokram zu erledigen. “Polizeidienststelle Wardington 4. Bezirk Süd, mein Name ist Hicks, was kann ich -” Die sich überschlagende Stimme von Mary startete einen stakkatoartigen Frontalangriff auf seine Ohren. Nachdem es Hicks gelungen war, durch geschickte Unterbrechungen und kürzlich gelernte Fragetechniken das Problem zu verstehen, hatte sich interessanterweise seine Gesichtsfarbe von schweinchenrosa (ein untrügliches Zeichen für naiv, fromm und Jungfrau – zumindest der landläufigen Meinung nach und in diesem Fall lag die landläufige Meinung ausnahmsweise mal goldrichtig) in ein mondlichttaugliches kreidebleich transformiert. Wie es sich für einen jungen, dynamischen und aufstrebenden Polizisten gehörte, fasste Hicks auf der Stelle einen Entschluss: er würde auf gar keinen Fall alleine den Mann stellen ! Viel zu gefährlich, er würde Woodward hinzuziehen, keine Frage…
Aber, wo war der bloß ?

Fish hatte seinen von Krämpfen durchschüttelten, fettleibigen Oberkörper an derselben Stelle deponiert, wie eigentlich immer nach einer durchzechten Nacht: er hing schwerfällig über der Kloschüssel in seinem kleinen dreckigen Apartment und kotzte sich die Gedärme aus dem Leib. Der letzte Balvenie gestern abend (nein, George, nicht gestern Abend, sondern heute morgen und das weißt du auch ganz genau, denn Du hast ja nach der Sperrstunde zuhause weitergefeiert, nicht wahr, so wie du es schon oft gemacht hast, manchmal mit einem Kumpel, aber gestern – ja, da hattest du sowas von schlechte Laune, daß selbst die Aussicht auf einen Freidrink niemanden überzeugt hätte, sich mit dir in dein Rattenloch zu begeben, um einem notorischen Säufer bei der Verbreitung seiner Pseudoweisheiten zuzuhören) musste schlecht gewesen sein (kann Single Malt überhaupt schlecht sein ?) oder sollte er etwa in fortgeschrittenem Alter anfangen zu schwächeln ? Vielleicht war er einfach nur etwas aus der Übung. Ein letztes Röcheln versetzt mit einem sauren Rülpsen entrang sich seiner gemarterten und mit Alkoholeinbrennungen geschundenen Kehle. Dann betätigte die geschwächte Kreatur die Spülung. Mit einem Geräusch ähnlich dem von gerade schoß sein Mageninhalt gen Kanalisation, um sich mit den Auswürfen anderer geschundener Körper zu vereinigen. Er verharrte noch einige Augenblicke still vor der Schüssel, in Demut knieend, jedoch weit davon entfernt, die vergangene Sauftour zu bereuen. Was blieb ihm denn sonst noch vom Leben ? Er würde auch heute nicht zur Arbeit gehen können. Das leichte Schwindelgefühl schien sich zu einem ausgewachsenen Kater zu manifestieren. Er beschloß, heute einen Urlaubstag zu nehmen. Einfach zurück ins Bett, Augen zu und sich gesund schlafen. Sollte die Welt ihn am Arsch …
Das Telefon klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Immer wieder dieser durchdringende nervige Ton. Er fühlte sich belästigt. Jemand wollte einen Anschlag verüben. Eine bösartig geplante Tat. Der Widersacher hatte auf den günstigsten Moment gewartet, um zuzuschlagen. Nun, Überraschung. Hier steht ! – Verzeihung: kniet ! – George Woodward und er ist nicht bereit, sich so überrumpeln zu lassen. Warte Bürschchen, Dir werd´ ichs zeigen ! Er torkelte zum Telefon, riß den Hörer von der Gabel (und infolge starker Gleichgewichtsprobleme beinahe auch noch das Kabel aus der Wand) und bellte sein unnachahmliches: “Wassnn ?” in die Leitung. “Hicks hier, es ist dringend. Wir haben hier ein Riesenproblem!” “Arschloch!” röhrte Woodward zurück, mehr nicht, nur dieses eine Wort. Dann eine Kunstpause, um die Wirkung des eben gesagten zu unterstreichen. Und dann wieder: “Arschloch!” Dann legte er auf. Ein feistes Grinsen bahnte sich seinen Weg in sein zerfurchtes, rotädriges Gesicht. Hicks, Streberhicks, der schwule Jüngling, den man ihm als Aufpasser beigestellt hatte. Als ob er nicht alleine für Recht und Ordnung sorgen konnte! Diese fiese Tucke! Sollte er doch mal zeigen, was er drauf hatte! Ein entlaufenes Schaf (denn nichts anderes konnte der Grund für diesen unpassenden Anruf sein) würde er ja wohl alleine wieder einfangen können, oder ? Aber wer weiß – vielleicht war es ja auch ein depressives Kamikazeschaf, daß sich vor jedes Auto schmeißen wollte, welches ihm vor die Vorderhufe kam. Blök, blök, geschieht Dir recht Hicks, sowas lernt man nicht in der Polizeiausbildung, dies ist die Lehre des richtigen Lebens, ha. Mittlerweile war Fish in seinem Schlafzimmer angekommen. Dort kroch er immer noch grinsend in sein Bett. Er stierte mit verschleiertem Blick aus dem Fenster. Der schon seit dem frühen Morgen aufgezogene Nebel vermischte sich mit einem leichten Nieselregen. Eine Katze stromerte auf dem Fensterbrett herum und fixierte ihn, wie um abzuschätzen, ob er wohl eine lohnende Beute wäre. George stierte ungerührt zurück, fixierte überhaupt nichts, schnarchte, schlief.

Hicks diskutierte fahrig mit Mary und Jenkins. Er hatte sich noch immer nicht von seinem Telefongespräch mit seinem “Kollegen” erholt, aber er wusste eins: diesmal war er zuweit gegangen. Er würde Meldung machen und dafür sorgen, daß der alte Suffkopp den Posten räumen musste. Für wen ? Nun, für ihn natürlich…sobald er dieses Problem hier gelöst hatte und als strahlender Held von Wardington gefeiert wurde. Gerade eben sagte Jenkins: “Der Mann scheint ein Faible für unseren Heimatdichter Robert Burns zu haben. Ich frage mich, ob er wirklich gefährlich ist. Jemand, der so belesen ist -” Mary unterbrach ihn hektisch. “Seine Augen, haben Sie ihm in die Augen gesehen. Ich bin sicher, er hat jemanden umgebracht!” “Das können Sie nicht wissen, Mary.” versuchte Hicks etwas tolpatschig, sie zu beruhigen. “Should auld acquintance be forgot ? Das hat er zuletzt ausgerufen, ja geradezu geschrieen!” Jenkins war sich ganz sicher. “Das ist aus “Auld lang syme”.” fügte er nicht ohne Stolz über seine Bildung hinzu. “Was tun wir denn jetzt ?” fragte Mary ratlos. “Hicks soll ihn festnehmen.” schlug Jenkins vor. “Wir beide bleiben draussen, bis die Luft wieder rein ist. Wir sollten da kein Risiko eingehen. Also, Hicks, walten Sie ihres Amtes…”

Nach einer Viertelstunde standen Sie immer noch unter dem Vordach, ohne daß sich Hicks mitsamt seines Gefangenen zu ihnen gesellt hätte. “Was macht der Trottel da ?” grübelte Jenkins so vor sich hin. “Vielleicht ist er schon tot.” Mary wurde blaß, Sie wollte nach Hause. Das Mittagessen musste gekocht werden, sie hatte noch einiges wegzuräumen und überhaupt – sie riskierte hier ihr Leben, wofür eigentlich ? “ “Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich heute früherr Dienstschluß mache ? Mich hat das Ganze ziemlich mitgenommen. Ich würde mich gerne etwas hinlegen.” “Ja, natürlich, gehen Sie nur. Ich kann Belina Howards anrufen. Sie soll die restlichen Zimmer heute fertigmachen. Soviel ist ohnehin nicht zu tun, denke ich. Legen Sie sich ein bisschen aufs Ohr.” Geistesabwesend wandte er sich wieder dem Gebäude zu, während seine Mitarbeiterin fluchtartig die Gefahrenzone verließ.

Nach einiger Zeit des ratlosen Wartens wurde es Jenkins zu bunt. ”Ich werde nachsehen!” informierte er die ihm gegenüber trostlos im Regen stehenden Bäume und marschierte zurück ins Haus.

Die Gestalt in Zimmer 13 schien eine Begegnung mit einem Geist gehabt zu haben. “Hicks!” blaffte Jenkins ihn unfreundlich an. “Wo ist er ? Haben Sie ihn etwa laufen lassen ? Nun reden Sie schon, Mann!” Hicks antwortete nicht. Er schien Jenkins gar nicht zu registrieren. Ohne erkennbare Sinnesregung starrte er auf das, was er in der Hand hielt. Jenkins folgte seinem Blick…

Im nächsten Moment passierten zwei Dinge völlig gleichzeitig: Mary betrat das Wohnzimmer ihres kleinen Häuschens, wo sie Bob und Maureen wild vögelnd auf dem Wohnzimmerteppich vorfand und Jenkins fiel beim Anblick dessen, was sich in Zimmer 13 befand, die Kinnlade runter und er sah aus wie ein durchgeknallter Breitmaulfrosch, ein Zustand, den er dann für geschlagene zwei Minuten beibehielt.

Drei Tage später. Im “Old Horse” versuchte ein offensichtlich angetrunkener Gast, mit seinem Nachbarn ins Gespräch zu kommen. “Haste schon gehört ? Die Sache da im Hotel ?” Robert Ashley stöhnte. Erst Fussball, dann das Wetter und was sollte das nun wieder ? War es zuviel verlangt, einfach in Ruhe hier sitzen zu wollen und sein Feierabendguinness zu trinken ? Er hatte kein Interesse an einem Gespräch, aber der Mann neben ihm ignorierte das hartnäckig. “Ein Gespenst, sagen sie. Er war plötzlich da und dann war er wieder weg. Wie dieser Hudi-Hodi—Wie heistn der Zauberer, der schon tot ist ?” “Ich nehme an, Sie meinen Houdini, aber bitte, ich möchte-” “Genau,Hoddingly, danke Mann.” lallte der schon reichlich Angetrunkene. “Sie haben ihn überall gesucht, aber nich mehr gefunn. War einfach weg!” Ashley beschloß, das dieses Bier sein letztes sein würde. Martha würde sich freuen, wenn er etwas früher aus der Kneipe käme. Vielleicht konnten sie noch eine Runde mit dem Hund rausgehen. “Aber er hat was verloren gehabt, weiste ? Und weisste was ? Münzen! Uralter Scheiß! Goldmünzen. Sinn geschätzt wordn, irgendwie 13tes oder 14tes Jahrhundert oder so! Woher hat er die wohl gehabt ? Geklaut ? Is´ doch irgendwie unheimlich, finnse nich´ auch ? Aber wer weiß ? Vielleicht wollt´ er nur sein Zimmer bezahlen!” Der Besoffene äugte in sein leeres Glas. “Echt, macht Spass, mit dir zu plaudern, Kumpel, kannst mich Barry nennen, alle meine Freunde nennen mich Barry. Was is´, genehmigen wir uns noch einen Schluck ? Kannste mir was vorlegen ? Kriegste morgen zurück. Ehrenwort!” Doch Robert Ashley hatte sich bereits abgewandt. Er rutschte von seinem Barhocker, zog seinen Mantel über und verschwand mit einem Kopfschütteln. Er schloß die Tür des Pubs hinter sich und machte sich gedankenvoll durch den immer noch stetig plätschernden Regen auf den Weg nach Hause.

Kategorien:Kurzgeschichte

Web 3.0

Marion legte den Hörer wieder auf die Gabel. Sie hatte das Freizeichen lange genug ertragen. „Nelly scheint verreist zu sein.“ sagte sie, an Gregor gewandt. „Hmm.“ erwiderte dieser aus dem Nebenzimmer. „Seit Tagen versuche ich, sie zu erreichen, aber es geht keiner ran. Sie hätte ja auch mal was sagen können, findest Du nicht ?“ Stille. „Ich hab´Dich was gefragt !“ „Hmm.“ „Eigentlich wollten wir doch heute abend mit ihr ins „Bello“ gehen, oder ?“ Wieder keine Antwort. Marion wurde langsam sauer. Wenn ihr Freund vor seiner Kiste hing und diesen neumodischen Zeitvertreiben nachging, war sie für ihn Luft. Nicht nur dann, dachte sie so bei sich nicht ohne Wehmut. „Hörst Du mir überhaupt zu ?“ „Hmm.“ Jetzt hatte sie genug. Sie ging ins Arbeitszimmer und stellte sich seitlich neben ihn hin. „Ich muß Dir was sagen, Gregor.“ Ein kurzer Blick von ihm, dann starrte er wieder auf den Bildschirm. „Ich habe mit Pascal geschlafen !“ Das würde ihn zermalmen. Das konnte er nicht kommentarlos hinnehmen. Er starrte weiterhin auf die Mattscheibe. „Ja ?“ fragte er, ohne wirklich eine Frage formuliert zu haben. Es war ein Echo auf ihren Konversationsversuch, nichts eigenes, nur ein passiver Widerhall. Marion rastete aus. „Sag mal, hörst Du mir eigentlich zu, Du Arsch ?“
Dann drückte sie wutentbrannt die Starttaste seines Laptops. Der Bildschirm wurde schwarz.
„Willkommen zurück in der Realität, Du Arschloch !“
Sie drehte sich um, stürmte in die Diele, riß ihren Mantel vom Haken und rauschte aus der Wohnung. Der Nachhall der Wohnungstür lag ihm noch lange in den Ohren.

Der Brief konnte schon länger auf dem Küchentisch gelegen haben. Er sah ihn nicht wirklich bewußt, dafür war er mit seinen Gedanken viel zu weit weg. Es war vielmehr etwas Weißes in seinem Augenwinkel, was dann doch zu seinem Denkzentrum durchdrang. „Wahrscheinlich Werbung“ murmelte er gedankenverloren, bereit, die Wurfsendung achtlos in den Papierkorb zu schmeißen. Was ihn momentan so sehr beschäftigte, war die Erstellung seines neuen Blogs. Er hatte schon einen und der war auch online geschaltet, aber der Aufbau sagte ihm nicht zu. Es war alles irgendwie ungeordnet, keine klare Linie erkennbar. Einen Newsticker hätte er auch gerne auf seiner Seite gehabt, aber er wußte gar nicht, ob das technisch überhaupt möglich war. Er würde Nico fragen müssen, der kannte sich besser aus als er. In den neuen Technologien des WWW war Nico der Papst, die Referenz schlechthin. Nico hatte ihm auch bei seinen ersten Gehversuchen bzgl. seines Blogs geholfen. Damals, vor ca. einem halben Jahr. Da hatte er sich mit dem Online-Virus infiziert. Schleichend wie eine langsam aufkeimende Infektion. Unaufhaltsam. Erst hatte seine Arbeit darunter gelitten, danach seine Beziehung. Mittlerweile lebte er mehr in seiner virtuellen Welt als in der realen. Nicht, daß ihm das was ausgemacht hätte.
Er las den Absender im Sichtfenster und stutzte. Es schien sich doch um ein offizielles Anschreiben zu handeln, dem Namen nach von einer Art Anwaltskanzlei oder so. Dr. Gebhardt, Rechtskoordination, Büro für WWW-Interkommunikativprozesse, Händelstr. 27…Bla,bla,bla. „Kenn´ich nicht.“ dachte er so bei sich und warf den Brief in den bereits erwähnten Papierkorb. Dann wandte er sich wichtigeren Dingen zu. Er würde das Layout seines Blogs nochmal von Grund auf renovieren. „Wollen doch mal sehen, ob ich das nicht auch hinkriege !“ grinste er vergnügt in sich hinein. „Warte Nico, du bist nicht der Einzige, der mit dem Puls der Zeit geht. Ab heute bekommst Du ernsthafte Konkurrenz…“

Ein paar Tage später. Marion saß ungeduldig auf der Couch. Sie hatte sich ein bißchen vor diesem Tag gefürchtet, auch wenn sie sich den wahren Grund ihres Unwohlseins nicht eingestehen konnte (wollte). Sie hatte sich heute freigenommen, war ein bißchen bummeln gewesen, ein kleines Eis im Cafe, eine halbe Stunde im Stadtpark vor den schönen Wasserspeiern, einfach ein bisschen abhängen und die Seele baumeln lassen. Sie merkte, wie gut es ihr tat. Jetzt rückte der große Augenblick näher und die Nervosität war wieder da, wie ein guter alter Bekannter, ein Springteufel, immer dann, wenn man ihn am wenigsten gebrauchen konnte. Verdammt, sie sollte glücklich sein, zumindest heute abend. Aber vielleicht würde das ja noch werden… Hoffnung keimte auf. Gregor betrat das Zimmer. Er sah ein wenig fahrig aus, wie so oft in letzter Zeit. „Er ißt zuwenig.“ dachte sie so bei sich. „Hättest Du mal einen Augenblick Zeit für mich ?“ Er grinste. Ich würde Dir gerne was zeigen. Ihr Herzschlag drehte eine Extrarunde. Ihre Wangen röteten sich. Freude, pure Freude. Wie hatte sie nur zweifeln können ? Sie versuchte ungeschickt, ein aufgesetztes leichtes Desinteresse vorzutäuschen. „Wieso ? Was ist denn ? Was kann es denn nur so Wichtiges geben ?“ „Na, komm doch mal eben.“ Fast unwirsch, aber wie gesagt, nur fast. Nicht genug, um sie zu irritieren. Er spielte das Spiel mit, auf seine Weise. Sollte er ruhig. Sie würde die Überraschte geben.
Dann betrat sie das Arbeitszimmer. Er strahlte sie nun an. „Na, was sagst Du ? Gefälltst Dir ?“ Sie schaute sich verwirrt um. Sie sah …nichts. Er regustrierte ihre Verwirrung. „Mein Gott, schau´ doch auf den Bildschirm ! Unser Blog ist fertig. Ich habe das Layout perfektioniert. Ist das nicht geil ?“
Ein imaginärer Hammer schlug ihr mitten ins Gesicht. Der Atem stockte ihr. Vor ihr stand ihr „Freund“ oder vielmehr ein Abziehbild dessen, was er mal gewesen war und redete von „ihrem“ Blog oder wie das hieß.
Dann kamen die Tränen. Sie wollte tapfer sein, aber ihre Schwäche übermannte sie. Ein Sturzbach rann an ihren geröteten Wangen hinunter und sie ließ es geschehen. Sie hatte keine Gegenwehr mehr. Die letzten Monate waren ein stetiges Bergab. Ihre Beziehung existierte nicht mehr. Nichts existierte mehr. Wenn es noch eines Beweises bedurft hatte, nun, hier war er.
„Du…du…ich dachte…“ Er hatte sich schon wieder von ihr wegbewegt, schien etwas am Rechner zu kontrollieren, manipulieren, manifestieren. Manifestieren, ja, genau das tat er. Im gleichen Maße, wie ihr gemeinsames Leben verblaßte, erschuf er eine neue Welt. Eine Welt, in der kein Platz für sie war. Sie wimmerte. „Ich habe Geburtstag. Heute. Ich dachte, Du wolltest mir etwas schenken. Ich dachte…ich…bedeute Dir noch etwas.“
Klik,klik,klik, nur das gedämpfte Ticken der Tastatur. Keine Antwort. Nur: klik, klik, klik.
Er hatte den Blick abgewandt. Er surfte schon wieder auf einer neuen Seite. Die ihre hatte er längst verlassen.

Am nächsten Morgen. Das Telefon klingelte. Gregor wäre das wahrscheinlich nicht aufgefallen, aber er war gerade auf dem Weg zurück von der Toilette ins Arbeitszimmer. Er nahm ab und brummte ein unfreundliches „Ja !“ in den Hörer. „Herr Becker ? Gregor Becker ?“ Die weibliche Stimme am anderen Ende interpretierte sein Schweigen offensichtlich als Zustimmung. „Herr Becker, ich möchte Sie vorsorglich nochmal an Ihren Termin heute um 14:00 Uhr in unserer Kanzlei erinnern. Sie können doch kommen, oder ?“ Er kramte hilflos in seinen Erinnerungen. An einen Rechtsanwaltstermin konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. „Hören Sie, das muß ein Irrtum sein. Ich habe keinen…“ „Hr. Dr. Gebhardt freut sich sehr, daß Sie seine Einladung angenommen haben. Er erwartet Sie bereits ungeduldig. Wie lautet Ihre E-Mail-Adresse ? “ Er gab sie ihr wie in Trance. „Ich sende Ihnen umgehend die Agenda sowie eine Wegbeschreibung zu. Vielen Dank noch einmal für ihr Interesse. Bis später ! “ Die routinemäßig freundliche Stimme wurde vom Besetztzeichen abgelöst. 14:00 Uhr. Er war etwas verwirrt. Was für ein Termin sollte das denn überhaupt sein ?
Dann plötzlich erinnerte er sich an den Brief. Dr. Gebhardt…

„Kaffee oder Tee ?“ Er erkannte die Stimme als die Stimme aus dem Telefongespräch vom Morgen. Hier nun also der dazugehörige Körper. Gar nicht schlecht, dachte er so bei sich. „Kaffee, bitte.“ Sie entfernte sich lächelnd. Er saß in einem von der Farbe Weiß dominierten Büro. Der Schreibtisch, die Lederstühle, die Aktenschränke, Fensterbank und Heizkörper, alles Weiß. Auch der Teppich. Er fühlte sich wie beim Arzt. Ihm gegenüber saß Dr. Gebhardt. Dieser hielt ihm gerade einen kurzen Vortrag über die Vorzüge des WWW. Als ob er die nicht kennen würde.
„…dies ist das Informationszeitalter. Wir leben in einem Overflow von Nachrichten. Unsere Kommunikationsmöglichkeiten sind vielfältig wie nie zuvor. Wir können problemlos mit allen Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren, immer, überall, worüber wir wollen. Wir haben keine Grenzen mehr und haben uns selbst die Möglichkeit geschaffen, unseren ständigen Hunger nach Neuem schnellstmöglich zu befriedigen. Wenn Sie heute z. B. eine Information ins Netz stellen, ist diese in Sekundenbruchteilen vielleicht schon ein alter Hut, weil irgendwo, an einem ganz anderen Ort, jemand sitzt, der zu ihrem ganz speziellen Thema eine noch aktuellere und gehaltvollere Information beigesteuert hat.Ist das nicht phantastisch ?“
Gregor rutschte etwas nervös auf seinem Stuhl hin und her. Natürlich war das toll, aber das wußte er auch schon vorher. Gerade eben war ihm eingefallen, daß er seinen Blog heute erst zweimal aktualisiert hatte. Wer würde so einen alten Hut überhaupt noch lesen wollen ? Er würde dieses Gespräch abkürzen müssen. Kommen Sie endlich auf den Punkt, Dr. Gebhardt.
Dieser schien seine Gedanken gelesen zu haben. “ Der Grund, warum ich Sie hierhergebeten habe, ist folgender: wir haben ihr Nutzungsverhalten studiert, nicht nur das Ihrige, natürlich, nein, wir haben aufgrund eines von uns konzipierten, hochkomplexen Analyseverfahrens eine Liste der User erstellt, welche sich in vorbildlichem Maße mit dem Netz beschäftigen. Nur ganz kurz, damit sich das Ganze für Sie ein bisschen klarer darstellt: wir haben Selektionsparameter wie z. B. Nutzungsdauer, Onlinekontakthäufigkeit zu anderen Usern, Art der Nutzung (sprich E-Mail, ICQ, Foren, Blogs, eigene Homepages, Messenger, Wikis etc.), Bereitschaft auf Neuerungen zu reagieren verwandt, um damit ein genaues Profil Ihrer Onlinepersönlichkeit zu erstellen. Sie wären überrascht, wie viele User im Leben ausserhalb des WWW blaß und nichtssagend sind, aber hier, in unserer riesigen Community, da gehen sie aus sich heraus und sind kreativ, informativ – einfach am Puls von allem ! Und Sie
, Herr Becker, sind ganz vorne mit dabei. Ganz besonders imponiert hat uns ihr Engagement in Sachen Bloggestaltung. Sie haben viel Zeit dafür geopfert, sie waren hartnäckig, gewissenhaft und Sie hatten Erfolg. Ich bin sicher, Ihre Familie ist stolz auf Sie ! Er zwinkerte ihm gönnerhaft zu.Von wegen, dachte Gregor, da müssten Sie mal meine Freundin fragen. Egoismus pur. Immer dreht sich alles nur um sie. Marion hier, Marion da, es ist zum Kotzen. „Gehen Sie mit uns den Weg weiter, Herr Becker. Werden Sie ein Onlineaktivist. Seien Sie online, immer, jederzeit. Wie wäre das ? Lassen Sie einfach alle Verpflichtungen hinter sich, es gibt so viel zu tun im WWW. Sie sind wichtig und wir brauchen Sie. Jetzt.“ Das war Balsam für seine geschundene Seele. Dieser Mann verstand ihn. Das „Real Life“ war etwas für Feiglinge, für Verlierer. Menschen, die nicht bereit waren, ihre Visionen zu leben. Die sich immer hinter irgendwem oder irgendwas verstecken wollten. Menschen wie … Marion.
„Sie müssen nur hier unterschreiben…“
Und Gregor tat den Schritt ins Licht.

„Es ist schrecklich. Ich kann das gar nicht begreifen. So ein nettes Mädchen. Sie hat mir immer die Post mit hochgebracht. So was…“ Frau Denzel aus dem vierten Stock schüttelte verständnislos ihr Haupt. „Wie ist es denn genau passiert, Elfriede ? Die Leute munkeln so dies und das .“ „Sie hat sich die Pulsader aufgeschnitten. Das ganze Badezimmer war voller Blut. Schrecklich.“ „Warum hat das denn niemand bemerkt ? Hatte Sie keinen Freund ? Sie war doch ein hübsches Ding.“ „Einen Freund ?“ Frau Denzel überlegte angestrengt. Eine Ahnung von etwas dunklem streifte ihren Geist, wie ein Gedanke, den man fasst erhaschen konnte. Dann war es wieder weg. „Nein, Sie hatte keinen Freund. Das wäre mir doch aufgefallen.“ „Diese Welt ist schrecklich manchmal, findest Du nicht auch ?“ „Ja, Berta. In der Tat.“ Dann trennten sich die beiden Frauen mit einem Gruß. Abends, als sie in ihrem Wohnzimmer vor ihrer Stickarbeit saß, fragte sich Frau Denzel, was mit ihrem geliebten Viertel plötzlich los war. Nelly Brittner war urplötzlich verschwunden, Marion brachte sich um…
Ihr wurde übel. Sie ging an den Wohnzimmerschrank und genehmigte sich einen Magenbitter. Dann stickte sie weiter.

ontalk: nelly:hi gregor, was macht das layout ?
ontalk: gregor:längst fertig, nelly, neues projekt
ontalk: nelly:ich auch, baue neue community auf
ontalk: gregor:inhalt ?
ontalk: nelly:about web 3.0
ontalk: gregor:ah, das wahre Leben
ontalk: nelly:genau
ontalk: gregor:wir kennen uns aus, was ?
ontalk: nelly:wir sind alle hier, alle, auf die es ankommt
ontalk: gregor:ja, nelly, klaro
:)

end-of-communication-channel

Kategorien:Kurzgeschichte

Der Vorleser

Aus der „Flaschenpost“ vom 23.06. :

23.06. 21:30 Literarisches zur Nacht
Ein Ausflug in die wunderbare Welt der Literatur
Vorgetragen von Lennart Vogt-Jensen
Eintritt frei. Anmeldungen nicht erforderlich.
Achtung: nur begrenzte Anzahl Sitzplätze verfügbar !

Der Pavillon stand auf einer Anhöhe inmitten der Dünenlandschaft, welche von gepflasterten Fußwegen durchkreuzt wurde, die wahlweise zum Strand oder in entgegengesetzter Richtung zum historischen Dorfkern der kleinen Insel führten. Die letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Abendsonne schienen durch die Fenster des runden Gebäudes. Die Tür, vor welcher eine Verästelung des Hauptweges endete, stand weit offen. Dies war die einzige Möglichkeit, den Raum zu belüften, denn die Fenster waren nur dazu bestimmt, das Licht herein zulassen, jedoch ließen sie sich nicht öffnen. Das Mobiliar füllte die Wände des Raumes komplett aus. Diverse Tische, Stühle und Bänke drängten sich an den Wänden, die Mitte des Raumes war leer bis auf den massiven Stützpfeiler , dessen sternförmig auseinander laufende Verstrebungen das Dach des Pavillons trugen.

Lennart Vogt-Jensen schloß die Tür auf und betrat den Raum.

Ich schlenderte gemütlich der Lesestätte entgegen. Der kleine Pfad, den ich heute Vormittag auf dem Weg zum Strand noch Barfuß gegangen war, führte zum Pavillon, der wie eine zu dick und zu breit geratene Miniaturausgabe eines Leuchtturmes auf dem kleinen Hügel prangte. Ich fühlte mich ausgeruht, trotz des enormen Pensums, welches ich mir heute auferlegt hatte. Direkt nach dem Aufstehen war ich ein paar Kilometer gelaufen. Nach dem Frühstück ging es erneut raus – ein Rundgang über die Insel stand auf dem Programm, unter Führung eines von der Kurverwaltung engagierten Führers, der nicht nur die verschlungenen Pfade jenseits der Touristenwege kannte, sondern auch noch allerlei Kurzweiliges über diesen grünen Flecken Erde zu erzählen wusste. Nach der wohlverdienten Mittagspause hatte ein ausgedehnter Einkaufsbummel auf dem Programm gestanden, danach war ich eine Runde Schwimmen gewesen und nun, zur Abrundung des Tages, war ich also auf dem Weg zum „Literarischen Zentrum“ der Insel. Es war nicht mein erstes Mal dort, ich hatte bereits oft den Worten des talentierten Vorlesers gelauscht und freute mich auf eine Stunde voller anregender Gedanken. Ich war ganz bewusst eine dreiviertel Stunde zu früh gekommen, da ich aus Erfahrung wusste, dass die Anzahl der Plätze sehr beschränkt und demzufolge auch schnell vergeben war. Da ich nicht vorhatte, die folgende Stunde mit einem dünnen Sitzkissen auf dem Fußboden zu verbringen, musste ich wohl oder übel etwas Wartezeit einplanen.
Mittlerweile hatte ich das Gebäude erreicht. Die Tür stand – wie an allen Leseabenden – weit offen, um möglichst lange möglichst viel frische Seeluft herein zulassen Trotz meiner zeitigen Ankunft war ich nicht der Erste. Ein älteres Ehepaar in den Sechzigern saß nebeneinander auf einer der beiden weißen Holzbänke. Einer der Holzstühle war von einer etwa dreißigjährigen Frau mit langen braunen Haaren besetzt. Sie telefonierte gerade leise und ihr Gesichtsausdruck spiegelte eine Unzufriedenheit wieder, welche wohl ihren Ursprung im gerade Gesagten hatte. Ich trat ein, grüßte und steuerte den einzigen Stuhl an, der direkt neben der Tür stand. Nachdem ich mich platziert und meinen Jutebeutel neben mich gelegt hatte, hing ich ein wenig meinen Gedanken nach. Während ich so vor mich hin sinnierte, füllte sich nach und nach der Raum. Die beiden Bänke und restlichen freien Stühle wurden rasch in Beschlag genommen. Ein Stuhl blieb frei, er stand direkt neben dem Tisch, auf dem sich halb volle Weinflaschen und Becher sowie ein paar Gläser befanden. Dies war SEIN Platz, der Stuhl des Vorlesers, sein Thron quasi, von dem herab er uns mit seinen Worten verzaubern würde. Er war übrigens schon vor mir eingetroffen. Allerdings befand er sich nicht im Pavillon, sondern stromerte, wie es seine Gewohnheit war, in der Nähe des Gebäudes herum. Im Mundwinkel eine Kippe, lief er, die Hände in den Taschen, mal hierhin, mal dorthin und schien nach etwas oder jemandem Ausschau zu halten. Er erwiderte die Grüße der Nachzügler mit einem knappen „Moin“, manchmal kniff er auch nur die kleinen Augen fast ganz
zu und nickte erhaben. Er machte auf mich gelegentlich einen etwas muffeligen Eindruck, der sich aber im Laufe der Leseabende immer als falsch erwies. Ich führte sein Auftreten darauf zurück, dass er wohl ganz in seiner Konzentration gefangen war. Ich selbst hätte es mir nicht vorstellen können, vor anderen Leuten eine solche Lesung abzuhalten.
Ein bisschen bewunderte ich ihn dafür.

Vogt-Jensen betrat den Pavillon. Er setzte sich an den Tisch. Schweigend bugsierte er ein Feuerzeug aus seiner Jacke und zündete die rote dickbauchige Kerze an, welche, auf einem Unterteller ruhend, vor ihm auf dem Tisch stand. Dann zog er die Jacke aus und hängte sie über seinen Stuhl. Wir waren mucksmäuschenstill und schauten ihm gebannt zu. Ich kam mir ein bisschen vor wie ein kleines Kind am Heiligabend. Glänzende Kinderaugen kurz vor der Bescherung, eine Stille, in der man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können…
Er griff über den Tisch zu einem Weinglas und füllte dieses zur Hälfte. Das Licht der untergehenden Sonne spiegelte sich im Rot des Rebensaftes wieder. Mittlerweile waren die wenigen Plätze besetzt. Ein paar Nachzügler hatten sich noch zu uns gesellt. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als ein Sitzkissen entgegen zunehmen und sich in die Mitte des Raumes zu setzen. Ich beglückwünschte mich im Stillen für meine Weitsicht und machte es mir in meinem Stuhl bequem. Der literarische Abend konnte beginnen !

„Guten Abend!“ Die markante Stimme des Vorlesers bahnte sich ihren Weg in unsere Gehörgänge. „Herzlich willkommen bei Literarisches zur Nacht“. „Bevor ich beginne, möchte ich noch ein paar Worte über den Ablauf verlieren…“ Ich kannte die nun folgende Prozedur und wartete geduldig auf das Unvermeidliche. „Bevor ich zu Lesen beginne, möchte ich Sie bitten, Ihre Telefone, Ihre HANDYS (ein leichter Ekel lag in seiner Stimme – oder bildete ich mir das nur ein ?), auszuschalten. Des weiteren möchte ich Sie darüber informieren, dass hier auf dem Tisch diverse Getränke alkoholischer und nicht alkoholischer Art zu Ihrer Verfügung stehen. Sie dürfen sich gerne bedienen und wenn jemandem ein Glas fehlen sollte, können Sie auch ein solches hier finden, solange der Vorrat noch reicht. Die Getränke habe ich aus eigener Tasche bezahlt und ich möchte Sie bitten, im Bedarfsfall einen kleinen Obulus in das Körbchen dort zu legen. Vielen Dank.“ Er deutete auf das Behältnis, welches den Flaschen und Gläsern voran stand.
Mir fiel plötzlich mein Jutebeutel ein, indem sich neben einer Inselkarte und einem Taschenbuch von John Irving („Eine Mittelgewichtsehe“) auch ein Weinglas befand. „Wenn sich jemand bedienen möchte, so möge er dies nun tun. Sobald alle versorgt sind, werde ich mit der Lesung beginnen!“ Dies war die Aufforderung für einen Teil der Zuhörerschaft, sich mit einem kleinen Nachttrunk zu versorgen. Auch ich war unter denjenigen, die sich mit einem Schluck anfreunden konnten, füllte mein Glas , spendete einen Euro und begab mich schweigsam wieder auf meinen Platz.

Die Lesung begann. Die Art der Geschichten, die der Vorleser kredenzte, war in der Regel bunt gemischt. Sehr oft etwas Heiteres, z. B. von Erich Kästner, manchmal in klaren Vollmondnächten etwas Unheimliches (vielleicht von Bram Stoker oder Sheridan LeFanu), von Zeit zu Zeit auch etwas Besinnliches, Nachdenkliches – wenngleich mir auch dafür spontan kein konkretes Beispiel einfällt. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, auf der einen Seite die geneigte Zuhörerschaft, auf der anderen Seite Herr Vogt-Jensen, der mit Lust und Verve seine Geschichten zum Besten gab.
Nicht lange, nachdem er begonnen hatte, trat plötzlich ein Paar durch die vom Küstenwind umspielte Eingangstür. „Oh, Entschuldigung, guten Abend.“ sagte der Mann leise, aber doch so, dass man ihn verstehen konnte. Suchend schaute seine Frau sich um und ließ sich schuldbewusst auf dem Fußboden nieder. Ihr Gefährte tat es ihr gleich, nachdem er für beide noch ein Sitzkissen organisiert hatte. Leise flüsterte sie ihm etwas ins Ohr. Er nickte, schaute ernst und konzentrierte sich dann ganz auf die Geschichte. Der Vorleser schien die Unterbrechung gar nicht bemerkt zu haben, er war voll in seinem Element:
„…nicht, dass es mir etwas ausgemacht hätte.“, krächzte sie, „aber wie Du ja schon gemerkt hast – ich bin ein wenig heiser und…“
„Was ? Was hast du gesagt ? Nun sprich doch etwas deutlicher, ich kann dich ja gar nicht verstehen!“ Ihr Gesicht lief puterrot an. „Du weißt doch ganz genau – „.
Ein Handy klingelte. Die Melodie von „Pippi Langstrumpf“ mischte sich mit den Worten des Lesenden. Erschrocken griff die Frau, welche gerade erst gekommen war, in ihre Jackentasche. Sie angelte ein neongelbes Handtelefon heraus und drückte hektisch ein paar Knöpfe. Mittlerweile war die Melodie bei der Stelle „…die macht was ihr gefällt.“ angekommen. Das Gesicht der Frau verfärbte sich dunkelrot, während sie weiter panikartig versuchte, das Handy zum Schweigen zu bringen. Schließlich griff ihr Mann beherzt ein, riss ihr das Telefon aus der Hand und brachte es mit gezieltem Tastendruck zum Schweigen. Natürlich konnte Herrn Vogt-Jensen diese Störung nicht entgangen sein. Er bewies jedoch Contenance und las einfach weiter. Nur in seinen Augen glaubte ich, ein zartes Funkeln erhascht zu haben. Aber vielleicht war es auch nur das Flackern der Kerze gewesen.

Mittlerweile war es dunkler geworden. Das Sonnenlicht schwand zunehmend und machte sich bereit, vom Licht der
Laternen abgelöst zu werden, welche entlang des Pfades den Nachtwanderern den Weg wiesen. Ich überlegte, was morgen auf dem Programm stand. Vielleicht würde ich mit Ina einen Spaziergang zum anderen Ende der Insel machen. Möglicherweise würden wir uns auch ein paar Stunden an den Strand legen. Nun, wir würden uns schon einig werden. Während ich noch so vor mich hin sinnierte, hatte ich das Glas fast nahezu geleert. Ich hätte gern noch einmal nachgefüllt, wollte aber nicht für eine Unterbrechung verantwortlich sein. Stattdessen schloss ich die Augen und ließ mich ganz auf die Stimme des Lesenden ein. Es war gar nicht so entscheidend, die ganze Geschichte mitzubekommen, dachte ich, allein schon hier zu sitzen und sich zu entspannen, ist doch auch schon ganz schön. Natürlich gab es auch manche Geschichten, die ich geradezu hingerissen in mich aufsog – einmal hatte er z. B. Poe` s „William Wilson“ gelesen. Das war so richtig nach meinem Geschmack !
Ich befand mich also gerade in einem angenehm leicht beduselten Zustand, eine leichte Schläfrigkeit wollte sich meiner annehmen, als der Vorleser plötzlich verstummte.
Die erste Geschichte war zu Ende.

Erneut wurden Gläser gefüllt, Münzen schlugen klimpernd im Korb auf dem Tisch zusammen. Die nächste Geschichte ist mir namentlich entfallen, ich weiß nur, da es thematisch um ein Walross und einen Esel ging und das es eine moderne Groteske war. Ziemlich anspruchsvoll. Ich fand sie für diesen Anlass ungünstig gewählt und schaltete ziemlich schnell ab. Der Wein tat sein übriges. Ich nickte etwas ein.

Plötzlich schrak ich auf. Eine Horde Jugendlicher lief gerade am Pavillon entlang und einer von Ihnen bestand die Mutprobe und brüllte lauthals Obszönitäten in die Nacht, wohl wissend, dass er unsere Runde damit stören würde. Gelächter drang von draußen herein und die Bande trollte sich weiter. Sie hatten ihren Spaß gehabt. Ich war nun wieder wach und froh, dass ich nicht mein Glas noch umgetreten hatte, welches vor mir auf dem Boden stand. Ich trank den Rest des Weines und betrachtete nun den Vorleser. Diese Unterbrechung war nicht ganz spurlos an ihm vorübergegangen. Sein Gesicht machte nun einen verkniffenen Eindruck, den es bisher definitiv nicht gehabt hatte. Auch seine Stimme war nun etwas weniger souverän, ich glaubte ein leichtes Zittern zu registrieren. Unglücklicherweise ließ die nächste Unterbrechung nicht lange auf sich warten. Ein Herr auf der Bank wählte ausgerechnet diesen Augenblick, um einen bösen Schluckauf zu bekommen. „Hrrrick.“ Vogt-Jensen las zunächst konzentriert weiter. Dann wieder: „Hrrricks!“ Und: „Hick!“ Der Mann begann zu Schwitzen. Nach einer weiteren Reihe eruptiver Äußerungen stammelte er nur „Entschuldigung!“ und eilte zur Tür. Leider übersah er bei seiner kopflosen Flucht das Glas einer jungen Frau, welches diese neben ihren Stuhl gestellt hatte. Das Glas knallte frontal gegen die Wand und zerbarst in tausend Scherben. Vogt-Jensen hatte kurz aufgehört zu lesen. Ein sehr tadelnder Blick ging zum Eingang, während er sich einen Schluck Wein genehmigte.

Die nächsten Minuten gingen ohne weitere Störung vorüber. Das Ende der zweiten Geschichte war für die Dame mit dem gelben Handy die Gelegenheit, dieses schnell noch einmal zur Hand zu nehmen. „Was machst Du denn nun schon wieder ?“ zischte ihr Mann gereizt. Schnippisch konterte sie: „Laura wollte mir eine SMS…das geht doch ganz schnell, mein Gott!“ Ungeschickt stolperten ihre Finger über die kleinen Tasten. „Hm…nichts…komisch. Ich mach es ja schon wieder aus.“ Beleidigt ließ sie das Telefon in ihrer Handtasche verschwinden. Unser Gastgeber hob zu seiner letzten Erzählung an. „Die Giesenstecks“ von Frederic Brown. Ich jubilierte innerlich. Sehr unheimlich, Brown war wirklich ein Meister. Mit so einem großartigen Abschluss hatte ich gar nicht gerechnet. Ich entspannte mich wieder und lauschte den Worten des Vorlesers. Ich muss hinzufügen, dass die vielen Unterbrechungen doch nicht spurlos an unserem Vortragenden vorüber gegangen waren. Wenn ich ihn nun so betrachtete – nun, er schien doch schon relativ genervt zu sein. Mit gepresster Stimme trug er die Geschichte vor und ich war eigentlich zuversichtlich, dass zumindest der Abschluss der Stunde ohne weitere Störung vorübergehen würde. Die Erzählung steuerte auf ihren unvermeidlichen Höhepunkt zu. Die dämonischen Puppen schienen gerade zum alles entscheidenden Schlag auszuholen. Die Spannung war im Raum greifbar und die Gesichter der Zuschauer spiegelten die erwartungsfrohe Angespanntheit wieder.
„Hey Pippi Langstrumpf…“. Das neongelbe Handy hob zum wiederholten Male am heutigen Abend an, seine enervierende Melodie zum besten zu geben. Der Ehemann rastete augenblicklich aus. „Mein Gott, bist Du eigentlich sogar zu blöd, ein Handy auszuschalten ?“ Er riß seiner Frau die Handtasche aus der Hand. „Aber ich habe doch…“ stammelte sie mit hochrotem Kopf. „Ich verstehe nicht…“ „Gib her, verdammt noch mal.“ Er riß wütend das Telefon aus ihrer Tasche und beendete das Gebimmel mit einem Knopfdruck. „Würden Sie jetzt bitte augenblicklich das Telefon ausmachen ?“ Der Meister konnte sich nicht mehr zurückhalten. „So kann ich nicht lesen!“ „Ich habe es doch schon ausgemacht!“ motzte ihn der Mann an. „Jetzt weiß ich gar nicht, wer angerufen hat! Und wenn das nun Laura war ?“ Schmollend wandte sie sich ab. „Was fällt Ihnen ein, mich so anzuschreien ?“ Vogt-Jensen war sprachlos. So etwas war ihm noch nie widerfahren. „Wissen Sie, was Sie mich mal können ?“ Der Blutdruck des Ehemannes war nun deutlich sichtbar im Gesicht zu erkennen. „Komm, wir gehen!“ Er fasste seine Frau grob am Arm und zerrte sie vom Boden hoch. „Au, du tust mir weh!“ jammerte sie. „Dann steh halt alleine auf.“ Er ging raschen Schrittes zur Tür und in die Nacht hinein. Mit hochrotem Knopf folgte ihm seine Frau. An der Türschwelle hielt sie inne und drehte sich noch mal um. „Und dieser Wein…Sie hätten wirklich besseren bereitstellen können!“ Lennart Vogt-Jensen verlegte sich nun aufs Brüllen. „Raus!“ Sie starrte ihn schockiert an, schien noch etwas sagen zu wollen, winkte dann aber ab und folgte ihrem Mann ins Dunkel.

„Kulturbanausen !“ jaulte Herr Vogt-Jensen. Ich hatte den Eindruck, dass die Lesung für heute zu Ende war.

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