Web 3.0
Marion legte den Hörer wieder auf die Gabel. Sie hatte das Freizeichen lange genug ertragen. “Nelly scheint verreist zu sein.” sagte sie, an Gregor gewandt. “Hmm.” erwiderte dieser aus dem Nebenzimmer. “Seit Tagen versuche ich, sie zu erreichen, aber es geht keiner ran. Sie hätte ja auch mal was sagen können, findest Du nicht ?” Stille. “Ich hab´Dich was gefragt !” “Hmm.” “Eigentlich wollten wir doch heute abend mit ihr ins “Bello” gehen, oder ?” Wieder keine Antwort. Marion wurde langsam sauer. Wenn ihr Freund vor seiner Kiste hing und diesen neumodischen Zeitvertreiben nachging, war sie für ihn Luft. Nicht nur dann, dachte sie so bei sich nicht ohne Wehmut. “Hörst Du mir überhaupt zu ?” “Hmm.” Jetzt hatte sie genug. Sie ging ins Arbeitszimmer und stellte sich seitlich neben ihn hin. “Ich muß Dir was sagen, Gregor.” Ein kurzer Blick von ihm, dann starrte er wieder auf den Bildschirm. “Ich habe mit Pascal geschlafen !” Das würde ihn zermalmen. Das konnte er nicht kommentarlos hinnehmen. Er starrte weiterhin auf die Mattscheibe. “Ja ?” fragte er, ohne wirklich eine Frage formuliert zu haben. Es war ein Echo auf ihren Konversationsversuch, nichts eigenes, nur ein passiver Widerhall. Marion rastete aus. “Sag mal, hörst Du mir eigentlich zu, Du Arsch ?”
Dann drückte sie wutentbrannt die Starttaste seines Laptops. Der Bildschirm wurde schwarz.
“Willkommen zurück in der Realität, Du Arschloch !”
Sie drehte sich um, stürmte in die Diele, riß ihren Mantel vom Haken und rauschte aus der Wohnung. Der Nachhall der Wohnungstür lag ihm noch lange in den Ohren.
Der Brief konnte schon länger auf dem Küchentisch gelegen haben. Er sah ihn nicht wirklich bewußt, dafür war er mit seinen Gedanken viel zu weit weg. Es war vielmehr etwas Weißes in seinem Augenwinkel, was dann doch zu seinem Denkzentrum durchdrang. “Wahrscheinlich Werbung” murmelte er gedankenverloren, bereit, die Wurfsendung achtlos in den Papierkorb zu schmeißen. Was ihn momentan so sehr beschäftigte, war die Erstellung seines neuen Blogs. Er hatte schon einen und der war auch online geschaltet, aber der Aufbau sagte ihm nicht zu. Es war alles irgendwie ungeordnet, keine klare Linie erkennbar. Einen Newsticker hätte er auch gerne auf seiner Seite gehabt, aber er wußte gar nicht, ob das technisch überhaupt möglich war. Er würde Nico fragen müssen, der kannte sich besser aus als er. In den neuen Technologien des WWW war Nico der Papst, die Referenz schlechthin. Nico hatte ihm auch bei seinen ersten Gehversuchen bzgl. seines Blogs geholfen. Damals, vor ca. einem halben Jahr. Da hatte er sich mit dem Online-Virus infiziert. Schleichend wie eine langsam aufkeimende Infektion. Unaufhaltsam. Erst hatte seine Arbeit darunter gelitten, danach seine Beziehung. Mittlerweile lebte er mehr in seiner virtuellen Welt als in der realen. Nicht, daß ihm das was ausgemacht hätte.
Er las den Absender im Sichtfenster und stutzte. Es schien sich doch um ein offizielles Anschreiben zu handeln, dem Namen nach von einer Art Anwaltskanzlei oder so. Dr. Gebhardt, Rechtskoordination, Büro für WWW-Interkommunikativprozesse, Händelstr. 27…Bla,bla,bla. “Kenn´ich nicht.” dachte er so bei sich und warf den Brief in den bereits erwähnten Papierkorb. Dann wandte er sich wichtigeren Dingen zu. Er würde das Layout seines Blogs nochmal von Grund auf renovieren. “Wollen doch mal sehen, ob ich das nicht auch hinkriege !” grinste er vergnügt in sich hinein. “Warte Nico, du bist nicht der Einzige, der mit dem Puls der Zeit geht. Ab heute bekommst Du ernsthafte Konkurrenz…”
Ein paar Tage später. Marion saß ungeduldig auf der Couch. Sie hatte sich ein bißchen vor diesem Tag gefürchtet, auch wenn sie sich den wahren Grund ihres Unwohlseins nicht eingestehen konnte (wollte). Sie hatte sich heute freigenommen, war ein bißchen bummeln gewesen, ein kleines Eis im Cafe, eine halbe Stunde im Stadtpark vor den schönen Wasserspeiern, einfach ein bisschen abhängen und die Seele baumeln lassen. Sie merkte, wie gut es ihr tat. Jetzt rückte der große Augenblick näher und die Nervosität war wieder da, wie ein guter alter Bekannter, ein Springteufel, immer dann, wenn man ihn am wenigsten gebrauchen konnte. Verdammt, sie sollte glücklich sein, zumindest heute abend. Aber vielleicht würde das ja noch werden… Hoffnung keimte auf. Gregor betrat das Zimmer. Er sah ein wenig fahrig aus, wie so oft in letzter Zeit. “Er ißt zuwenig.” dachte sie so bei sich. “Hättest Du mal einen Augenblick Zeit für mich ?” Er grinste. Ich würde Dir gerne was zeigen. Ihr Herzschlag drehte eine Extrarunde. Ihre Wangen röteten sich. Freude, pure Freude. Wie hatte sie nur zweifeln können ? Sie versuchte ungeschickt, ein aufgesetztes leichtes Desinteresse vorzutäuschen. “Wieso ? Was ist denn ? Was kann es denn nur so Wichtiges geben ?” “Na, komm doch mal eben.” Fast unwirsch, aber wie gesagt, nur fast. Nicht genug, um sie zu irritieren. Er spielte das Spiel mit, auf seine Weise. Sollte er ruhig. Sie würde die Überraschte geben.
Dann betrat sie das Arbeitszimmer. Er strahlte sie nun an. “Na, was sagst Du ? Gefälltst Dir ?” Sie schaute sich verwirrt um. Sie sah …nichts. Er regustrierte ihre Verwirrung. “Mein Gott, schau´ doch auf den Bildschirm ! Unser Blog ist fertig. Ich habe das Layout perfektioniert. Ist das nicht geil ?”
Ein imaginärer Hammer schlug ihr mitten ins Gesicht. Der Atem stockte ihr. Vor ihr stand ihr “Freund” oder vielmehr ein Abziehbild dessen, was er mal gewesen war und redete von “ihrem” Blog oder wie das hieß.
Dann kamen die Tränen. Sie wollte tapfer sein, aber ihre Schwäche übermannte sie. Ein Sturzbach rann an ihren geröteten Wangen hinunter und sie ließ es geschehen. Sie hatte keine Gegenwehr mehr. Die letzten Monate waren ein stetiges Bergab. Ihre Beziehung existierte nicht mehr. Nichts existierte mehr. Wenn es noch eines Beweises bedurft hatte, nun, hier war er.
“Du…du…ich dachte…” Er hatte sich schon wieder von ihr wegbewegt, schien etwas am Rechner zu kontrollieren, manipulieren, manifestieren. Manifestieren, ja, genau das tat er. Im gleichen Maße, wie ihr gemeinsames Leben verblaßte, erschuf er eine neue Welt. Eine Welt, in der kein Platz für sie war. Sie wimmerte. “Ich habe Geburtstag. Heute. Ich dachte, Du wolltest mir etwas schenken. Ich dachte…ich…bedeute Dir noch etwas.”
Klik,klik,klik, nur das gedämpfte Ticken der Tastatur. Keine Antwort. Nur: klik, klik, klik.
Er hatte den Blick abgewandt. Er surfte schon wieder auf einer neuen Seite. Die ihre hatte er längst verlassen.
Am nächsten Morgen. Das Telefon klingelte. Gregor wäre das wahrscheinlich nicht aufgefallen, aber er war gerade auf dem Weg zurück von der Toilette ins Arbeitszimmer. Er nahm ab und brummte ein unfreundliches “Ja !” in den Hörer. “Herr Becker ? Gregor Becker ?” Die weibliche Stimme am anderen Ende interpretierte sein Schweigen offensichtlich als Zustimmung. “Herr Becker, ich möchte Sie vorsorglich nochmal an Ihren Termin heute um 14:00 Uhr in unserer Kanzlei erinnern. Sie können doch kommen, oder ?” Er kramte hilflos in seinen Erinnerungen. An einen Rechtsanwaltstermin konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. “Hören Sie, das muß ein Irrtum sein. Ich habe keinen…” “Hr. Dr. Gebhardt freut sich sehr, daß Sie seine Einladung angenommen haben. Er erwartet Sie bereits ungeduldig. Wie lautet Ihre E-Mail-Adresse ? ” Er gab sie ihr wie in Trance. “Ich sende Ihnen umgehend die Agenda sowie eine Wegbeschreibung zu. Vielen Dank noch einmal für ihr Interesse. Bis später ! ” Die routinemäßig freundliche Stimme wurde vom Besetztzeichen abgelöst. 14:00 Uhr. Er war etwas verwirrt. Was für ein Termin sollte das denn überhaupt sein ?
Dann plötzlich erinnerte er sich an den Brief. Dr. Gebhardt…
“Kaffee oder Tee ?” Er erkannte die Stimme als die Stimme aus dem Telefongespräch vom Morgen. Hier nun also der dazugehörige Körper. Gar nicht schlecht, dachte er so bei sich. “Kaffee, bitte.” Sie entfernte sich lächelnd. Er saß in einem von der Farbe Weiß dominierten Büro. Der Schreibtisch, die Lederstühle, die Aktenschränke, Fensterbank und Heizkörper, alles Weiß. Auch der Teppich. Er fühlte sich wie beim Arzt. Ihm gegenüber saß Dr. Gebhardt. Dieser hielt ihm gerade einen kurzen Vortrag über die Vorzüge des WWW. Als ob er die nicht kennen würde.
“…dies ist das Informationszeitalter. Wir leben in einem Overflow von Nachrichten. Unsere Kommunikationsmöglichkeiten sind vielfältig wie nie zuvor. Wir können problemlos mit allen Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren, immer, überall, worüber wir wollen. Wir haben keine Grenzen mehr und haben uns selbst die Möglichkeit geschaffen, unseren ständigen Hunger nach Neuem schnellstmöglich zu befriedigen. Wenn Sie heute z. B. eine Information ins Netz stellen, ist diese in Sekundenbruchteilen vielleicht schon ein alter Hut, weil irgendwo, an einem ganz anderen Ort, jemand sitzt, der zu ihrem ganz speziellen Thema eine noch aktuellere und gehaltvollere Information beigesteuert hat.Ist das nicht phantastisch ?”
Gregor rutschte etwas nervös auf seinem Stuhl hin und her. Natürlich war das toll, aber das wußte er auch schon vorher. Gerade eben war ihm eingefallen, daß er seinen Blog heute erst zweimal aktualisiert hatte. Wer würde so einen alten Hut überhaupt noch lesen wollen ? Er würde dieses Gespräch abkürzen müssen. Kommen Sie endlich auf den Punkt, Dr. Gebhardt.
Dieser schien seine Gedanken gelesen zu haben. ” Der Grund, warum ich Sie hierhergebeten habe, ist folgender: wir haben ihr Nutzungsverhalten studiert, nicht nur das Ihrige, natürlich, nein, wir haben aufgrund eines von uns konzipierten, hochkomplexen Analyseverfahrens eine Liste der User erstellt, welche sich in vorbildlichem Maße mit dem Netz beschäftigen. Nur ganz kurz, damit sich das Ganze für Sie ein bisschen klarer darstellt: wir haben Selektionsparameter wie z. B. Nutzungsdauer, Onlinekontakthäufigkeit zu anderen Usern, Art der Nutzung (sprich E-Mail, ICQ, Foren, Blogs, eigene Homepages, Messenger, Wikis etc.), Bereitschaft auf Neuerungen zu reagieren verwandt, um damit ein genaues Profil Ihrer Onlinepersönlichkeit zu erstellen. Sie wären überrascht, wie viele User im Leben ausserhalb des WWW blaß und nichtssagend sind, aber hier, in unserer riesigen Community, da gehen sie aus sich heraus und sind kreativ, informativ – einfach am Puls von allem ! Und Sie
, Herr Becker, sind ganz vorne mit dabei. Ganz besonders imponiert hat uns ihr Engagement in Sachen Bloggestaltung. Sie haben viel Zeit dafür geopfert, sie waren hartnäckig, gewissenhaft und Sie hatten Erfolg. Ich bin sicher, Ihre Familie ist stolz auf Sie ! Er zwinkerte ihm gönnerhaft zu.Von wegen, dachte Gregor, da müssten Sie mal meine Freundin fragen. Egoismus pur. Immer dreht sich alles nur um sie. Marion hier, Marion da, es ist zum Kotzen. “Gehen Sie mit uns den Weg weiter, Herr Becker. Werden Sie ein Onlineaktivist. Seien Sie online, immer, jederzeit. Wie wäre das ? Lassen Sie einfach alle Verpflichtungen hinter sich, es gibt so viel zu tun im WWW. Sie sind wichtig und wir brauchen Sie. Jetzt.” Das war Balsam für seine geschundene Seele. Dieser Mann verstand ihn. Das “Real Life” war etwas für Feiglinge, für Verlierer. Menschen, die nicht bereit waren, ihre Visionen zu leben. Die sich immer hinter irgendwem oder irgendwas verstecken wollten. Menschen wie … Marion.
“Sie müssen nur hier unterschreiben…”
Und Gregor tat den Schritt ins Licht.
“Es ist schrecklich. Ich kann das gar nicht begreifen. So ein nettes Mädchen. Sie hat mir immer die Post mit hochgebracht. So was…” Frau Denzel aus dem vierten Stock schüttelte verständnislos ihr Haupt. “Wie ist es denn genau passiert, Elfriede ? Die Leute munkeln so dies und das .” “Sie hat sich die Pulsader aufgeschnitten. Das ganze Badezimmer war voller Blut. Schrecklich.” “Warum hat das denn niemand bemerkt ? Hatte Sie keinen Freund ? Sie war doch ein hübsches Ding.” “Einen Freund ?” Frau Denzel überlegte angestrengt. Eine Ahnung von etwas dunklem streifte ihren Geist, wie ein Gedanke, den man fasst erhaschen konnte. Dann war es wieder weg. “Nein, Sie hatte keinen Freund. Das wäre mir doch aufgefallen.” “Diese Welt ist schrecklich manchmal, findest Du nicht auch ?” “Ja, Berta. In der Tat.” Dann trennten sich die beiden Frauen mit einem Gruß. Abends, als sie in ihrem Wohnzimmer vor ihrer Stickarbeit saß, fragte sich Frau Denzel, was mit ihrem geliebten Viertel plötzlich los war. Nelly Brittner war urplötzlich verschwunden, Marion brachte sich um…
Ihr wurde übel. Sie ging an den Wohnzimmerschrank und genehmigte sich einen Magenbitter. Dann stickte sie weiter.
ontalk: nelly:hi gregor, was macht das layout ?
ontalk: gregor:längst fertig, nelly, neues projekt
ontalk: nelly:ich auch, baue neue community auf
ontalk: gregor:inhalt ?
ontalk: nelly:about web 3.0
ontalk: gregor:ah, das wahre Leben
ontalk: nelly:genau
ontalk: gregor:wir kennen uns aus, was ?
ontalk: nelly:wir sind alle hier, alle, auf die es ankommt
ontalk: gregor:ja, nelly, klaro ![]()
end-of-communication-channel
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